Amok im Spiegel
(von Claus-Jürgen Göpfert, Frankfurter-Rundschau vom 19.06.2008)
Von den hohen Wänden blickt er dreifach, vierfach schmunzelnd herab. Doch für Matthias Beltz, den Frankfurter Satire-übervater, interessiert sich an diesem Nachmittag niemand. Die hier im Kreis hocken, im ersten Stock des Literaturhauses, machen ihr eigenes Ding. Ronja Neumeyer balanciert auf einem Würfel der Sitzgruppe, bekennt gerade: "Ich liebe das Wort Amok." Wegen seiner Doppelbödigkeit. "Amok im Spiegel" hat die 17-jährige Schülerin ihr neues Gedicht überschrieben - und es dauert eine Weile, bis auf den Gesichtern um sie herum der Aha-Effekt aufscheint: Amok im Spiegel? Gewiss doch: Koma!
Einmal im Monat treffen sie sich hier im Beltz-Raum, die Mitglieder des "Schreibzimmers", einer "Werkstatt" für Schüler von 16 bis 19 Jahren. Und diskutieren mit dem Schriftsteller Matthias Göritz über ihre Gedichte, Prosatexte. Der 38-Jährige ermutigt, lobt, kritisiert: "Es ist toll, dass sie es machen - es gibt junge Menschen in Frankfurt, die schreiben!"
Zum Beispiel Ronja: "Ich hab' schon immer geschrieben." Anders könne sie es gar nicht ausdrücken. Und als Göritz 2007 zur ersten Frankfurter Lyrik-Werkstatt einlud, bewarb sie sich unter Vielen - und wurde ausgewählt. Und das Literaturhaus gründete später das "Schreibzimmer".
Amok und Koma also. In dem Gedicht geht es um den Regen, um die Tropfen:
"Sinken zu Boden,
verschwinden darin,
verfärben die Welt."
Das gefällt allen. Auch, dass Regenwetter stimmungsmäßig nah am Koma liegt, leuchtet ein. Doch dann taucht da die "graue Unästhetik" auf - und sorgt für Diskussionen. "Gibt es das Wort überhaupt?" Ronja akzeptiert die Kritik - versucht zu erklären: Zwischen dem ersten und zweiten Teil des Gedichts ist ziemlich viel Zeit vergangen. Göritz rät dazu, "das Du rauszunehmen", das da ziemlich überraschend am Ende des Gedichts auftaucht - Ronja nickt. "Lyrik ist die konzentrierteste Form des Schreibens - da muss man auf jedes Wort achten, bei Prosa hat man viel mehr Platz, um sich auszudrücken", meint Karolin Obst. Lisa Bönsel hat ein klares Ziel: "Ich würde gerne mal einen Roman schreiben."
Sechs junge Frauen, zwei junge Männer: So ist das Geschlechter-Verhältnis immer, wenn sie sich treffen - einer reist sogar aus Nordbayern an. Lisa kommt aus Darmstadt. Im Verborgenen wollen sie nicht bleiben. "Wir wollen eine öffentliche Lesung im Literaturhaus", sagt Martin Piekar. Die anderen stimmen begeistert zu.
Eine Internetseite haben sie schon. Aber der Weg ist schwierig. Gerade waren sie zusammen in Hildesheim beim Literaturfest, haben Lesungen besucht, mit Schriftstellern gesprochen. Kaum einer konnte von seiner Leidenschaft leben: "Die geben zum Beispiel Seminare, um Geld zu verdienen", erzählt Lisa.
In ihrem Gedicht "Gebundene Hände" schreibt sie:
"Möchte mit dem mir verbotenen Mund
rebellieren
und werde kaum erhört.
Möchte alle Fesseln lösen
frei sein, leben,
und gewinnen."
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